Samstag, 9. August 2014

slow dancing society

slow dancing society. So heißt mein neuer Mix, meine erste Zusammenstellung von Musik seit fast einem Jahr. Und irgendwie beschreibt dieser Titel auch die Zeit bzw. das Phänomen seit meiner Rückkehr ziemlich treffend. Denn ich bin extrem langsam darin, wieder in einen richtigen Trott zu kommen, um die Vorzüge der Heimat in seiner Gänze zu genießen und richtig anzukommen. Ich selbst scheine mich in Zeitlupe zu bewegen, ich tapse durch die Welt wie eine Schildkröte, die versucht, eine Autobahn zu überqueren. Alles rast um mich herum und ich hetze einem Termin nach dem nächsten hinterher, ohne wirklich mein Ziel zu erreichen.

Neuseeland war in diesem Zusammenhang ein bisschen wie die Serie Lost. Wohl behütet auf einer Insel, die scheinbar von einer unsichtbaren Glocke umgeben war, blieben mir die Mehrzahl der Eindrücke fern und liesen meinen Geist gemächlich die Welt nach meinem eigenen Tempo erkunden. Seit meiner Rückkehr ist es nun aber eher das Diktat des Alltags, welches stakkatoartig Termine, Verpflichtungen und Eindrücke auf mich einprasseln lässt, während ich noch im Müßiggang vor mich hin träume.

Ich weiß auch nicht genau, ob es an diesem rasenden Tempo lag, aber seit dem hat mich die Muse auch nicht mehr geküsst, kein kreativer Gedankenblitz wollte mich heimsuchen, um diesem Blog neues Leben einzuhauchen. Die letzten Beiträge waren eher ein Schwelgen in der Vergangenheit, was sich aber irgendwie nicht richtig anfühlen wollte. Ich möchte nicht in der Vergangenheit leben, wo es doch auch im Jetzt so viele schöne Sachen zu entdecken gibt. Doch dazu brauchte es erst einmal viel Leerlauf um mich mit dem Tempo meiner Umwelt zu synchronisieren. Manchmal ist es gar nicht so leicht, wenn man seine Tagträume ausgelebt hat und der Fixpunkt am Firmament verschwindet, während sich die Welt weiter dreht. "The world has turned and left me here" haben Weezer einmal gesungen, und jetzt verstehe ich auch ein bisschen wie Rivers Cuomo sich wohl gefühlt hat.

Um aus diesem Tempo auszubrechen habe ich nun diesen entschleunigten Mix gebastelt, der die regnerischen Tage und die Zeit in der überfüllten U-Bahn dämpft und in Watte verpackt. Ein Mix, in dem man sich wie ein kuscheliges Kopfkissen sinken lassen kann und einfach tief durch atmet. Er markiert zudem den Beginn meiner zweiwöchigen Radreise nach Kopenhagen. Knapp 800 km lang nur das eigene Tempo diktieren, die Welt entdecken und bei sich sein. Und wer weiß, vielleicht ist es auch eine Reanimation dieses Blogs, den ich gerne zu neuer Blüte verhelfen möchte.



Mittwoch, 17. Juli 2013

Zurück in Deutschland



Fast zwei Wochen ist es nun her, das ich gelandet bin und mich seit dem in meiner alten Heimat wieder umschaue. Nach anfänglichen Schlaf- und Hitzeproblemen habe ich mich an das Klima und den Alltag wieder ein wenig gewöhnt, auch wenn meine Gedanken noch immer am Steg des Wanaka-Sees sitzen um den Blick über das Wasser und den Sonnenuntergang schweifen zu lassen.
Aber auch daheim gibt es allerlei zu entdecken. Bäume voll Kirschen werden geerntet und verzücken meinen Alltag. Ich spiele mit Freunden Basketball, schlendere durch Berlin und schwimme in abgelegenen Seen, das Meltfestival lockt mit einem fantastischen Line-Up fürs Wochenende und lässt mich viele neue Musiker entdecken. Außerdem werde ich dort viele meiner engsten Freunde wieder sehen und gemeinsam mit ihnen Zeit verbringen, Musik hören und Pläne schmieden!




Doch wie wird es weitergehen? Wo werde ich arbeiten und wo wird es mich hinziehen? Das sind alles Fragen, die ich noch nicht zu beantworten vermag, so langsam lichtet sich aber immerhin der Nebel der wolkenverhangenen Gedanken und scheint mir einige Perspektiven aufzuweisen. Ich weiß nur, dass ich mehr denn je voller Tatendrang bin und etwas bewegen möchte. Ich möchte Menschen beeinflussen, ihnen helfen und Perspektiven aufzeigen. Vielleicht gehe ich auch wieder an die Uni? Ich bin gespannt. In einem Jahr schaue ich auf diesen Beitrag zurück und werde verschmitzt grinsen oder über meine utopischen Vorhaben lachen.

Aber wie hat Nietzsche schon gesagt?

Heute ist die Utopie vom Vormittag die Wirklichkeit vom Nachmittag.


Mittwoch, 3. Juli 2013

The Zipper Blues

The Smashing Pumpkins - 1979 - Video Dailymotion


Das Backpackerleben, das ständige Umherwandern, das sich treiben lassen wie ein Blatt im Wind, das Erleben von unzähligen Abenteuern und den tief ergreifenden Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten sowie dem Ergründen der Geheimnisse unserer Welt hat einen permanenten Begleiter. Den sogenannten Zipper Blues, das ständige Packen der Sachen, dem nervenaufreibenden Good Bye von Freunden, Plätzen, Geliebten und Momenten. Einige Male hat mich dieses Gefühl in eine tiefe Leere gestürzt. Die Erinnerung verschwimmt zu einem Bild an einer beschlagenen Scheibe, es verblasst für einen Moment und lässt einen Unterdruck an Hochgefühlen entstehen, mit dem ich erst einmal zu ringen habe.
Schon seltsam. Man ist sich seinem Glück oft nicht bewusst, auch wenn ich behaupten kann, jeden Tag mit einem lauten Ja und einer Umarmung des Momentes zu beginnen. Aber man vergegenwärtigt sich das Hochgefühl erst, wenn es hinter einem liegt, wenn man weiß, wie es sich anfühlt allein zu sein, als hätte das Schicksal einem die wärmende Decke im Bett weggezogen und man dachte bis dahin, man würde frieren. Man beginnt, sich nach dem sanften Umhang zu sehnen, der einem im Schneesturm schützt. 
Mein Umhang jedoch ist ein Kilt, ein Flicken aus unfassbar vielen flauschigen Stofffetzen, aus lächelnden Gesichtern, wärmenden Lagerfeuern an bezaubernden Seen, aus tollen Leuten, die mich beim trampen mitnehmen und mir ihr Herz offenbaren. Sie sind Flicken aus Sonnenaufgängen über bezaubernden Küsten, aus sich wälzenden Seerobben und -löwen, springenden Delphinen sowie wackelnden Pinguinen und tschirpenden Vögeln. Aus liebenswürdigen Facebooknachrichten, Guerilla-Skype-Dates und Blogbeiträgen, herzerwärmenden Telefonaten und Nächten über Bergen. Mondaufgänge, Wanderungen, intime Gespräche und plumpe Witze (zugegeben, die meisten kamen von mir). Ich liebe jeden einzelnen dieser Momente, ich liebe jede einzelne Person, die mir die letzten neun Monate so unfassbar viel Kraft und Herz entgegengebracht haben. Die sich mit mir gefreut haben oder sich von mir haben helfen lassen. Ich wünschte, ich könnte jedem so viel geben wie mir gegeben wurde, ich wünschte, ich könnte dieses Hochgefühl für immer konversieren. Ich vermute, wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich erst einmal ganz schön niedergeschlagen sein. Ich werde viele Sachen so nie wieder erleben. Aber dieser Kilt, den werde ich für immer behalten und mitnehmen. Ich werde ihn ansehen und feststellen, dass meine Seele gewachsen ist und sicher eingebettet in dieses herzliche Gefühl von Freundschaft, Abenteuer und Liebe.
Danke, euch allen.
//////////////////////////////////////
The life of a backpacker. Strolling permanently around, being a leave in the wind, numerous adventures, meaningful encounters of mindblowing personalities and the discovery of secrets of our world has a permanent pal. The "Zipper Blues", which means to pack your stuff constantly, the heartbreaking goodbye to friends, places, lovers and moments. This feeling drove me into a deep inner emptiness, again and again. My memories blurred into a frame of a misty window, it faded into a moment and all whats left behind is a lack of feelings I have to wrestle with. It's funny. You become so familiar with your luck, that you don't even realize what it means to you, even if I can claim to live in the moment every morning. But you start to realize this feeling if it starts to break apart, when you know how it is to be alone, as if fate pulled away your warming blanket and you realize that you only thought you would freeze, but NOW you know what freezing means. You start to look for this cloak that gives you shelter from the storm. But I'm lucky. My cloak is a kilt, a numerous variety of cozy patches, made of smiling faces, warm fires at beautiful lakes, great people who took me along while hitchhiking and sharing there thoughts. Patches of sunrises at beautiful shores, yawning seals and sea-lions, jumping dolphins and wonky penguins and birds. Patches of lovely facebook-messages, guerilla-skype-dates and blogcomments, heartwarming phonecalls and nights over mountains. Moonrises, hikes, intimate conversations and bad wordpuns (to be honest, they mostly came from me, sorry for that, folks :D ). I love every single one of those moments, I love every single person who gave me so much love and power. Who helped me and laughed with me and whom I could help as well. I wish I could give back what you gave me, I wish, I could put these lovely feelings into tin cans and keep them forever. I suggest that, when I am back home, home will never be the same and I might be quiet down. I will leave so much stuff behind and it will be gone forever. But I will keep this kilt of patches for the rest of my life. I will look at it and realize that my soul has grown and is bedded safely in a heartwarming feeling of friendship, adventure and love.
Thanks. To all of you!

Dienstag, 2. Juli 2013

Die letzten Tage




Da sind sie nun, die letzten paar Tage. Wie Wolken ziehen sie vorbei, fast unbemerkt, doch wenn man genau hinschaut, merkt man ihre Schönheit und beginnt breit zu grinsen.
Nachdem ich ein paar Tage in Picton verbracht habe um die verdammt spannenden NBA-Playofffinals zu schauen, jonglieren zu lernen und ein paar liebe neue Leute zu treffen sowie mir mein Essen stehlen zu lassen wurde es Zeit, die Südinsel hinter mir zu lassen, denn ein Schneesturm nahte heran. Dieser sollte der Schwerste der letzten 20 Jahre werden und die nächsten Fähren würden vorübergehend ausfallen. Kein gutes Omen also. Während der Playoffs lernte ich eine liebe amerikanische Familie kennen, die ich glatt auf der Überfahrt noch einmal treffen sollte. Der Vater, der in einer Paliativstation in Phoenix, Arizona arbeitet erzählt mir von seiner Arbeit und fragt mich über meine Reise aus. Wir verbringen gemeinsam die Überfahrt auf Deck und schauen den riesigen Wellen der rauen See zu, die vom herannahenden Sturm aufgewogen werden. Wir werden ein bisschen melancholisch, heißt es doch Abschied nehmen von der Südinsel, auf der ich so viel Zeit verbracht habe. Ein so kleines Fleckchen Erde birgt Unterkunft für so viele liebe Menschen, ein wahrer Schatz dieser Welt.
In Wellington angekommen treffe ich gleich den Tramper Matt, der wie ich weiter in den Norden reisen wollte. Matt und ich schließen uns zusammen und suchen eine Weile nach einem passenden Platz, leider ist das am Highway gar nicht ganz so einfach. Die Wolken werden dunkler und dunkler, der Regen zieht auf und es ist gegen 3 Uhr. Da ich mich mit Kelsi noch einmal treffen wollte um das Nationalteam Neuseelands beim Rugby zuzuschauen, wollte ich so schnell wie möglich nach New Plymouth kommen, denn dort sollten sie gegen Frankreich spielen. Doch das Wetter könnte dem ganzen einen Strich durch die Rechnung machen. 
Nach circa einer Stunde warten am Straßenrand kommt dann aber doch endlich eine ältere Lady vorbei. Ihre Zigarette halb im Mundwinkel hängend lässt bereits erahnen, dass sie eine toughe Dame von stolzen 70 Jahren ist, die gerade nach 20 Jahren Kanada wieder zurück nach Neuseeland gekommen ist und all ihre Angestellten daheim dafür entlassen hat. Sie nimmt uns ein ganzes Stück mit nach Norden, wo sie ihre Farm gekauft hat, auf der sie Gemüse anbauen will. Sie zeigt uns einige wunderschöne Stellen während der Fahrt und wir stoppen hie und da um zu beobachten, wie die bedrohlichen Wolken in der Ferne das Meer aufpeitschen. 

Matt und ich werden in einem kleinen Örtchen rausgelassen und versuchen, weiter in den Norden zu kommen, so lange es noch nicht dunkel ist. Nach ein paar Minuten hält dann auch schon glatt das nächste Auto und siehe da, wir werden von einem Hollywoodautoren und -produzenten mitgenommen. Was für ein Glück! Wir erzählen ein bisschen (Ok,ich frage ihn größtenteils aus ;) ) und offenbare ihm meine Leidenschaft für den Autoren Damon Lindelof und stellen dabei fest, dass unsere Mitfahrgelegenheit ihn sogar persönlich kennt. Seeeeeuuufz! Die Welt ist ein Dorf und Jeff, der Autor, freut sich über die liebe Konversation. Er setzt mich in einem Hostel in Palmerston North ab, wo ich die nächsten paar Tage verbringen werde, um den Sturm zu überwinden. 
Das funktioniert auch ganz gut, das Hostel ist sehr gemütlich und ich treffe hier ein paar Maori, Deutsche, Franzosen und vor allem Kiwis, mit denen ich viele Konversationen über die EU, Verschwörungstheorien, Bipolarität und was nicht alles führe. Doch viel Zeit bleibt nicht, ich will ja weiter in den Norden, also beschließe ich nach drei Tagen weiterzureisen. Leider ist das Wetter immer noch fürchterlich, also lassen wir das mit den All Blacks-Rugby-Game. Wir beschließen, in das Surferparadies Raglan zu fahren, doch aufgrund des Wetters brauche ich insgesamt acht verschiedene Autos, um von Palermston North nach Hamilton zu kommen. Ich werde pitschnass und sehr kalt. Doch auch diesmal hatte ich viel Glück mit den Menschen. Rugbyspieler, zugewanderte Lehrer aus Fiji, ein Offizier mit seiner Familie, sogar ein Trucker und eine Maorilady mit einem unglaublich lieben Wuffelhund nehmen mich mit und ich beobachte, wie das Wetter besser und besser wird, je weiter ich in den Norden komme. Ich fahre entlang des riesigen Lake Taupo, sehe Schwefelschwaden im Sonnenuntergang leuchten, einen riesigen Mond und einen richtig klaren Sternenhimmel. Was für ein Land. Wehmut macht sich breit, doch noch habe ich fast zwei Wochen. 

Nachdem ich Kelsi dann ENDLICH wiedergetroffen habe beschließen wir bevor es nach Raglan geht, Hamiltons Clubszene zu erkunden. Ein Fehler! Für mich war es ein absoluter Kulturschock. Nach 9 Monaten wandern und kleinen gemütlichen Hostels bin ich große Menschenmassen nicht wirklich gewohnt, laute (nicht so gute) Musik und viele halbnackte Menschen haben mich eher abgeschreckt und mich stark zweifeln lassen an meiner Reise zurück nach Deutschland. Das kann doch dort nur schlimmer werden. 
Aber naja, ich bin wohl einfach nicht der Clubtyp, denn die nächsten paar Tage sollten viel besser werden. Wir finden jemanden im Hamiltonhostel, der auch nach Raglan möchte und so bekommen wir eine Mitfahrgelegenheit zur Westküste, an der alles viel gemütlicher ist. Liebe Cafés, großartige Strandabschnitte, ein Basketballkorb, ein fantastisches Hostel, ein Tennisplatz und verdammt coole Hostelbewohner versüßen uns die nächsten vier Tage! Und auch ein dramatischer Paddelunfall kann uns nicht stoppen. Denn Kelsi und ich haben uns ein paar Kayaks geschnappt, um entlang des Flusses der durch Raglan fließt zu paddeln. Dabei merke ich nach einer Weile, dass Wasser in mein Boot fließt. Ich versuche, an Land zu schwimmen doch nach und nach dringt immer mehr Wasser durch das Leck am Boden und 10 Meter vom Ufer entfernt sinkt mein Kayak komplett ab. Zum Glück war das Wasser recht warm, Kelsi lacht sich bei dem Anblick jedenfalls schlapp! 
Wieder im Hostel angekommen erzählen wir die Geschichte und dabei lernen wir Chelsea kennen, eine amerikanische Lehrerin die zum Surfen für ein paar Wochen rübergekommen ist. Sie hat Anthropologie studiert und es entfachen sich spannende Diskussionen über Gendertheorien, Kultur, Epigenetik und und und während des fantastischen Sonnenuntergangs an der Westküste. Aufgrund der coolen Gespräche bietet sie uns dann auch an, uns zurück nach Auckland mitzunehmen, wo Kelsi und ich gemeinsam hin müssen, um meine letzte Woche dort in Kelsis Haus zu verbringen. Fantastisch!
In Auckland angekommen stellt Kelsi mir ihre Mitbewohner/innen vor: alles Filmemachende und Tanzbegabte in einem, die so viele spannende Geschichten zu erzählen haben. Hier werde ich die nächste Woche verbringen, tolle Filme sehen, großartige Performances auf den Bühnen Aucklands anschauen, tanzen gehen und ein paar tolle Konzerte erleben. Wir lernen in Handumdrehen unglaublich viele interessante Menschen kennen, die mir den Abschied nur noch viel schwerer machen. Aber es ist schön zu sehen, dass es einfach überall etwas zu entdecken gibt und das selbst Matt, der mittlerweile 41 und immer noch ein wirklich cooler filmemachender Tanzdude ist und extrem viel liest noch immer jung geblieben ist im Herzen. Wenn ich mit 41 immer noch so bin, bin ich definitiv zufrieden mit meinem Leben! 
Unseren letzten Abend verbringen wir dann noch in einer fantastischen Tanzreihe namens "No Lights no Lycra", einer tollen Idee, in der man in einem gemeinsamen Saal mit ca 30 Leuten zu unterschiedlichster Musik tanzt. Im Dunkeln. Ganz mein Geschmack. Im Umhang der Dunkelheit lasse ich mich gaenzlich gehen und die letzten neun Monate noch einmal Review passieren. Ich bin gluecklich.

Was für ein Ritt.

Montag, 17. Juni 2013

Abenteuer im Süden

Es ist schon verrückt. Der letzte Eintrag dreht sich um Abschied nehmen und dem Ausdünnen des Landes, dem Gefühl, dass sich etwas dem Ende neigt und aus dem Nichts schlagen Wellen der Euphorie in meine kleine Brandung. Alles beginnt durch einen seltsamen Physiker, der meint, alle Menschen aufklären zu müssen über Themen wie objektive Realität, Sklaverei und Kabarett. Da ich seine Behauptungen nicht im Raum stehen lassen wollte, quetschte ich mich in die Diskussion zwischen ihm und einer Zimmermitbewohnerin. Aus einer langen Diskussion in der Nacht entspringt dabei eine fantastische Konversation mit Melissa, einer bezaubernden jungen Irin, die vom frühen Morgen an beinahe vierzehn Stunden am Stück mit mir diskutiert, lacht und ihr Herz öffnet. Gemeinsam beschließen wir mit ihr und einem sympathischen Engländer namens John sowie Elli, der Exilhamburgerin die mittlerweile in Island lebt, in den nahegelegenen Nationalpark zu fahren, von dem ich seit geraumer Zeit so sehr schwärme. Mit tollen Diskussionen und aufmerksamen Herzen laufen wir durch den Park und erleben einige fantastische, lebensbejahende Momente und kommen uns näher. Die nächsten zehn Tage verbringe ich mit Melissa in der wohl romantischsten Umgebung, die man sich vorstellen kann. Schaukeln unter goldenen Bäumen vor einem Bergpanorama, einsame Bänke umgeben von Fantail-Vögeln, feuerrote Sonnenuntergänge die ein Lächeln ins Gesicht zaubern und lachende Herzen die sich in einander verschlingen. Glücklich und erfüllt saugen wir den Duft des Herbstes ein und genießen Neuseeland in seinen vollen Zügen.

Doch die Gemeinsamkeit ist nur von kurzer Dauer, Melissa muss zurück nach Europa denn die Arbeit wartet. Ein schmerzlicher Abschied, der mich aber unglaublich erfüllt zurück lässt. In ein paar Wochen werden wir uns wiedersehen.














Etwas angeschlagen, jedoch mit gefülltem Herzen begegne ich tags darauf einem weiteren Mitbewohner aus Großbritannien. Roman ist am Ende seiner Weltreise und möchte eigentlich nur einen Tag in Wanaka verbringen. Aus seinen Reiseerfahrungen entspringt erneut eine hochphilosophische Diskussion, ironischerweise wieder über objektive Realität, aber auch über die Seele, Konzepte menschlicher Wahrnehmung, Geschichte und Politik. Während der Diskussion kommt Kelsi, eine weitere neue Mitbewohnerin aus Kanada in den Raum und schließt sich voller Aufmerksamkeit unserer Diskussion an. Nach 3 Stunden merken wir, dass wir eine tolle Gruppe sind und beschließen, die nächsten Tage gemeinsam in Wanaka zu verbringen. 
Aus diesem Gespann entspringt nach und nach wie ein Lauffeuer eine immer größere Gemeinschaft. Lily, eine photographiebegabte und herzallerliebe Seele aus Großbritannien wird genauso Teil unserer Gruppe wie Emma, eine talentierte und herzerweichende Singer-/Songwriterin aus Australien. Es schließen sich uns noch Jack, Rob, Vinney, Tom, Sam, Sophie, Peggy und ein weiterer Jack an, gemeinsam wandern wir, streifen durch die Nacht und mampfen Cookies, spielen Frisbee-Golf und kochen. Unser größtes Mahl ist ein Gemüsecurry mit Applecrumble und Eis als Nachtisch. Da wir zu viel gekocht haben, laden wir das gesamte Hostel ein und sitzen in einer riesigen Gruppe gemeinsam und reden über Gott und die Welt.
























Aus diesem Hochgefühl des Glücks beschließen Emma, Kelsi und ich, gemeinsam einen Roadtrip zu machen, anstatt jeweils allein durch die Welt zu juckeln. Da ich die Region schon gut kenne, mime ich den Reiseführer und zeige den beiden die Perlen der Südinsel und entdecke dabei ganz neue Fassetten Neuseelands, aber auch von uns selbst. Gemeinsam sitzen wir Abends am Feuer in einem Hostel direkt neben einer Hirschfarm ganz für uns allein, trinken ein Glas Wein und lassen unsere neue Freundschaft aufleben. Wir erzählen die kommenden Nächte durch, schauen Sonnenauf- und Untergänge an und erfreuen uns an der wunderbaren Landschaft des Fjordlands und den Catlins. Unterlegt wird unsere Reise von unserem gemeinsamen Musikgeschmack, der mich glatt zu Hause fühlen lässt. Neue und alte Musikperlen verschmelzen ineinander und bieten den perfekten Soundtrack für eine Rundfahrt von guten Freunden, entlang an wunderschönen Küstenabschnitten, Tälern, Wiesen und Wäldern. Hin und wieder packt Emma ihre Gitarre aus und singt uns eines ihrer sehr persönlichen Lieder.



In Dunedin angekommen streunern wir durch die Stadt, erleben kleine Abenteuer, Schicksale und lustige Episoden (mein erster Karaokeabend in einer öffentlichen Bar und ein seltsamer Anmachversuch einer Stripperin) und betrachten die Kunstgalerie. Wir lassen den letzten gemeinsamen Abend mit viel Melancholie, aber vor allem Freude ausklingen. 
Am nächsten Morgen geht es nach einem ausgiebigen Frühstück gemeinsam mit Emma von Dunedin nach Christchurch, dabei kommt der Sonnenaufgang während der Fahrt entlang der Ostküste nur gelegen und entkrampft unsere sinnierenden Köpfe mit wunderschönen Strandabschnitten. Die Fahrt dauert gute 8 Stunden, wir machen einige Stopps und erzählen uns die Seele vom Leib, um letztendlich Good bye zu sagen.
Emma fliegt von Christchurch nach Hause und auch für mich heißt es nun, den Weg Richtung Norden anzutreten. Dazu muss ich nach Picton um von dort zur Nordinsel überzusetzen. Ich versuche daher, so weit wie möglich noch am gleichen Tag nach Norden zu trampen, vielleicht Kaikoura, was auf halbem Wege liegt?
Keine Chance. Es wird dunkel, wirklich kalt und meine (mittlerweile löchrigen) Schuhe ziehen wie Hechtsuppe. Im Laternenlicht strecke ich die Daumen und entwerfe Strategien, wie ich günstig irgendwo unterkommen kann oder mein Zelt aufbaue, wohl wissend, das es recht kalt werden würde.
Nach zwei Stunden stoppt dann doch ein Auto. Jaydee, ein Maori. Er muss die Fähre in Picton kriegen, die 21.45 Uhr fährt. Wir haben es 18.30 Uhr, das wird knapp! Mit atemberaubendem Tempo, welches durch Maorigeschichte verschmückt wird, erreichen wir Picton 21.40 Uhr, gerade noch rechtzeitig. Hier trennen sich unsere Wege, mein Herz schlägt ca. eine Millionen Schläge pro Sekunde und meine Haare wirken irgendwie contra Gravitation. Als ich im Hostel ankomme, bekomme ich einen Gratis Applecrumble und denke an die fantastischen letzten Tage, an Emma und Kelsi und unsere herrlichen Abenteuer. 
























































Hier habe ich wieder zwei neue Freunde fürs Leben gefunden.