Montag, 17. Oktober 2016

World's End Girlfriend



After the Post Rock






2004 oder 2005 öffnete ich eine Liste mit unzähligen Band-Namen, die von einem entfernten Bekannten zusammengestellt wurde. Zu dieser Zeit trieb ich mich wie er auf der fantastischen Plattform "After the Post Rock" herum, ein Sammelbecken für Freunde abstrakter, melancholischer Musik, die sich nicht so leicht subsumieren lässt. Ambiente, DrumnBass, Witch House, Glitch, Shoegaze, Psychedelic Rock, Progressive, Breakcore, PostRock, Downbeat, Wonky, Dubstep, 2Step, all das war zu dieser Zeit noch schwer zu benennen und erst nach und nach sollten sich Genregrenzen zunehmend ausdifferenzieren und einen Namen bekommen. Die unterschiedlichen Genre und Bezeichnungen waren endlos, was sie einte war, dass man sie nur in Nischen-Sendungen im Radio finden würde, wenn überhaupt. Markant war außerdem eine dichte, verträumte Atmosphäre, die oft ohne Lyrics, dafür aber mit Stimmungsbildern hantierte und damit vertraute, fremde, verstörende oder schmeichelnde emotionale Landschaften schuf, die den Bildern im Kopf irgendwie Ausdruck verliehen oder beflügelten. In diesem Forum sammelten sich die ruhelosen Geister, die auf der Jagd nach diesem warmen, vertrauten Gefühl waren, dass nur Musik induzieren kann. Diese herzliche Umarmung, wenn sich eine Melodie wie ein Puzzleteil in die Seele einschmiegt, sich der Vorhang vor dem Sonnenaufgang öffnet um ein wunderschönes Panorama preiszugeben. Regnerische Szenarien, Gewitter auf dem offenen Meer, hochgezogene Kapuzenpullis und ganz viel schwarz. Das sind die Assoziationen, die noch heute diesen Dunstkreis an Menschen charakterisieren, motivieren und identifizieren. 
Als sich nun herausstellte, dass der besagte Bekannte ebenfalls dieses Forum besuchte, war ich ganz überrascht und freudig, denn die wenigen hundert Menschen, die sich dort herumtrieben, waren über die ganze Welt verteilt. Es fiel mir schwer (wie heute auch noch), Gleichgesinnte zu finden, deren Musikgeschmack meinem ähnelte. Umso erfreulicher war ich über diesen Bekannten. Wir tauschten Musik aus und mir wurde die bereits erwähnte Liste zugespielt. Diese beinhaltete hunderte Bands sowie jeweilige Download-Links zu ihren Alben. Ich fühlte mich befangen, denn auch wenn ich Musik immer wieder auch downloadete, dann doch nur um zu schauen, ob sie mir gefällt und sie dann unmittelbar zu kaufen, sofern es denn möglich war. Bandcamp war noch Jahre entfernt und viele Bands konnte man sonst höchstens live oder via Import supporten. Dennoch war meine Neugier immens, denn viele der Namen auf der Liste kannte ich vom Hörensagen, aber ich kannte ihre Werke nicht.
Ich begann also, die Liste zu durchstöbern, doch wie das so oft der Fall ist, bleibt bei einem so großen Korpus an Musik einfach nicht viel hängen. Es mangelt an Persönlichkeit, an Seele, an Herzblut, wenn man einfach nur mit einem gesichtslosen Link plus Bandnamen konfrontiert wird. Nach und nach scrollte ich mich durch die Liste und suchte mir ein paar vertraute Bands heraus, die ich zeitweise lieben lernte, aber auch wieder verlernte. Nur bei einem Namen entfaltete sich eine ungewöhnliche Gravitas, die mich in seinen Bann zog und der mich nicht mehr los ließ. 




World's End Girlfriend 



Ganz am Ende der Liste stolperte ich über World's End Girlfriend, einem Namen, den ich vorher noch nie gehört hatte, der aber meine Sehnsucht um das Ende der Welt seltsam genau ins Mark traf. Der Name erschien in dieser Liste wie ein magisches Zauberbuch in einem angestaubten Regal versteckt in einem geheimen Raum einer uralten Bibliothek. Dieses Buch, welches seltsam zurück starrte und einen selbst so genau studierte wie ich selbst das Buch. Die Freundin vom Ende der Welt beflügelte meinen Verstand, rief seltsame Assoziationen hervor, die so quer zu allem standen, was mir bis dahin vertraut war. Das musste ich hören. Ich folgte dem Link zum Album Lie Lay Land und Farewell Kingdom und begann, sie zu hören. Verquere, sperrige Musik dudelte sich in mein Hirn und verstärkten die Eindrücke des Bandnamens. Die Melodien und vor allem der Krach versuchten sich an den Innenwänden meiner Vorstellungskraft festzukrallen, blieben aber erfolglos. Vermeintlich zumindest, denn irgendwie konnte ich nicht ablassen und musste es immer wieder hören. Irgend etwas blieb jedes Mal zurück, etwas unbekanntes, nur schwer zu identifizierendes, etwas, wie das Etwas im Raum, dass, wenn man hinschaut, verschwindet, aber aus den Augenwinkeln definitiv vorhanden ist. Ich packte die Musik auf meinen IPod und verbrachte Tage, gar Wochen damit, um all die verschiedenen Einflüsse auseinanderzudröseln. Glitch, DrumnBass, klassische Musik, traditionelle Musik, Rock, all diese Musikarten liesen sich wiederfinden, doch machte es gar keinen Sinn, sie auseinanderzunehmen oder zu versuchen, sie zu bezeichnen, denn fügten sie sich doch zu etwas ganz Eigenem, Einzigartigen zusammen. Und mit jedem Hören entfaltete sich die Musik mehr und mehr, untermalte alltägliche Szenerien, umrahmte schöne Momente und brachte eine Gefühlswelt in mir zum Ausdruck, die schon immer da war, aber noch keinen Weg fand, sich zu artikulieren.
Slavoj Zizek sagte mal: "We feel free because we lack the very language to articulate our unfreedom", was ungefähr sowas bedeutet wie: wir fühlen uns frei, weil wir nicht über die Sprache vermögen, um unsere Unfreiheit auszudrücken. Mit anderen Worten: unsere Möglichkeiten, sich zu artikulieren ist so eingeschränkt, dass wir uns über die freiheitsraubenden Umstände um uns herum nicht äußern können, da wir sie aufgrund mangelnder Sprache nicht wahrnehmen können.
Nachdem ich nun Stück für Stück World's End Girlfriend für mich erschlossen hatte, mich mit diesen bezaubernden Melodien innerhalb des chaotischen Wirbelsturmes an musikalischen Fragmenten vertraut machen konnte, die nach und nach immer heller schienen wie ein Sternenbild, dass mir die Richtung weist, konnte ich verstehen, was Zizek meint. Die Musik eröffnete einen Zugang zu meinem Inneren, ermöglichte eine neue Sprache, ein Sensorium um mit den traurigen Gedanken in mir zu kommunizieren und eine fruchtbare, anerkennende emotionale Bindung aufzubauen, die all das in eine kreative Qualität kanalisierte und mich zugleich unendlich berührte. Sie machte mir klar, dass Melancholie und Trauer nichts schlimmes ist, sie ist nur eine weitere Sprache die mir hilft, die Welt einzuordnen und zu verstehen, die die Bilder in meinem Kopf beschreiben konnte und in die reale Welt zu transferieren vermochte. Nach und nach verwoben sich einzelne musikalische Stücke immer mehr mit meinen Gefühlen, verwurzelten tief in meiner Seele und wuchsen aus ihr wie ein kräftiger, wuchernder Baum, der mir Kraft und Selbstvertrauen zu geben vermochte, an den ich mich anlehnen konnte. Immer mehr vermischten sich diese Eindrücke mit meiner Identität, was sich nicht zuletzt an diesem Blog (daydream loveletter) und meinem Nutzernamen (blackholebird) niederschlägt, aber mich auch durch den Alltag begleitete. Musik über Vögel in schwarzen Löchern, einem gruseligen Zirkus mit schrägen Gestalten mitten im Wald, riesige Mottentore zu anderen Dimensionen, Raumschiffe, Liebesbriefe an den Tagtraum, verträumtes Rumliegen und Gedanken an Verstorbene wandern durch diese Welten und sind stete Begleiter und Trostspender.






Als ich dann eines Tages ein Interview von dem Mastermind hinter World's End Girlfriend las, wurde mir klar, dass ich einen Bruder im Geiste hatte. Katsuhiko Maeda schrieb über mein bis heute noch liebstes Musikalbum:


"Hmm. It’s difficult to put in words. I can explain parts but it will be hard to grasp the axis or space of it... Anyway to explain it in parts, in the first song there are tens of thousands of moths creating a gate. The moths’ wings are hitting each other and there is a lot of ‘scale’ floating in the air. It sparkles like a fog, and sticks on the skin of people who pass through the gate. By becoming covered in the ‘scale’, a threshold is made between us and the world, and at the same time, you enter another world. Once you pass through the gate, that world is covered in the sparkling powder, and continues on that way... Also, I don’t think this album is that dark. For instance, the 5th song is partially about night in a deep forest and is dark, there are sounds that come from the animals or grass and leaves on the trees, so it seems quiet but you feel fulfilled some how. And if you listen carefully, the child’s screaming that you hear is not from fear or pain. The child is excited and enjoying that the forest is so dark and that there are many sounds surrounding him, and is playing. It is the same as the animals not fearing the darkness of night."

Leider ist das Interview im Netz nicht mehr verfügbar, ich hätte es gerne noch einmal verlinkt. Aber dieser Ausschnitt zeigt, wie diese seltsame wie komplexe Fantasiewelt durch die Musik transportiert wird, die für mich absolut einmalig ist. Ich würde Katsuhiko Maeda als einen Vorreiter bezeichnen, der eine ähnliche Vision beschreibt wie David Bowie. Es scheint bei beiden weniger um die eigene Identität als viel mehr die kreative Kraft mittels der Figuren und Welten zu gehen, die sie heraufbeschwören. Sie entfalten eine Magie, die sich fernab von Konventionen verhalten, die musikalische Genre neu definieren und verhandeln, sie zeichnen ganze Universen mit Hilfe ihrer Instrumente und sie schaffen es, direkt mit unseren Herzen zu korrespondieren.

World's End Girlfriend hat nun mittlerweile acht Werke veröffentlicht, darunter eine fantastische Kollaboration mit den eher einseitigen wie tollen Mono sowie hinzukommend viele Kollaborationen und Soundtracks, gleichzeitig hat sich Katsuhiko Maeda in den letzten Jahren ein bisschen zurückgezogen, um sein Label Virgin Babylon Records aufzubauen. Um sich herum versammelte er immer mehr Bands mit einzigartigen Visionen, die sich seinem wilden Zirkus der Gefühle einfügen und eigene Vorstellungen verfolgen.



Für November 2016 hat er nun endlich, nach fünf Jahren, ein neues Album angekündigt, welches sich bisher so vielversprechend wie noch nie anfühlt. Nach "Seven Idiots", einem etwas eigentümlichen Zugang durch E-Gitarren und 60s Rock, scheint er sich mit "The last Waltz" auf die Noise/Glitch Elemente zurückzubesinnen und diese mit den träumerischen Melodien zu verknüpfen, die ich so schätzen gelernt habe.



Ich bin gespannt, wohin mich dieses Band der emotionalen Beziehung mit World's End Girlfriend noch hinführen wird, aber ich bin mir sicher, dass es für immer so tief verwachsen bleiben wird und meinen Alltag jeden Tag bereichert.



MerkenMerken

Mittwoch, 6. Juli 2016

Musik in Videospielen

Sascha bzw. Basco hat vor einigen Wochen einen sehr großartigen Mix auf Soundcloud veröffentlicht, der die zahlreichen Facetten von Ambientvideospielmusik aufzeigt und einen ganz hervorragend durch den Tag begleitet. Dieser geht derzeit zurecht durch die Decke, daher möchte ich ihn euch nicht vorenthalten und schicke das Teil an dieser Stelle mit einer dicke Empfehlung direkt in die Richtung eurer Hörgänge.





Bei der Tracklist fällt deutlich auf, wie mittlerweile in der Ambienteszene hochangesehene Künstler immer enger mit der Indipendentspieleszene anbandeln und dort ganz hervorragende Beiträge leisten. Eigentlich liegt es auch auf der Hand, sind doch Interpreten wie Helios, Julien Neto, Chris Remo und noch viele viele mehr bekannt für ihre sehr imaginative, introspektive und kopfkinolastige Musik. So waren diese und andere Künstler/-innen mit Sicherheit auch die ein oder andere Inspirationsquelle für Videospiele ( Osmos scheint mir ein sehr konkretes Beispiel zu sein), gleichzeitig lässt sich die Brücke auch anders herum schlagen. Dabei werden Videospiele immer mehr zu einem Vehikel für fantastische Scores, was sich letztendlich sogar in hochwertigen Produktionen wie The Last of Us (Gustavo Santaolalla) , Infamous ( Amon Tobin ) oder Devil May Cry (Combichrist/Noisia) niederschlägt. Mit eigens komponierten Tracks werden immer aufwendiger produzierte Soundtracks erstellt, die den großen Filmproduktionen in nichts nachstehen und das Portfolio angenehm erweitern.

Gleichzeitig sind auch unzählige 8-Bit Bands entstanden, die inspiriert von alten Konsolen wie dem Nintendo, dem Gameboy usw. ihren eigenen Stil gefunden haben. Anamanaguchi etwa, die dann auch das tolle Videospiel zu Scott Pilgrim musikalisch begleitet haben. Auch ein Chris Hülsbeck, der schon seit 30 Jahren Videospielmusik komponiert hat, konnte sich hier einen eigenen Namen machen und hat wohl so einige Ohrwürmer in die Ohren unzähliger Gamer und Gamerinnen gepflanzt.
Daneben gab es unzählige Videospielsamples in Raptracks von Künstlern wie Catpain Murphy, MF Doom, Madvillain, Kitty Pryde usw.

Für diejenigen, die jetzt Lust auf mehr bekommen haben, habe ich mal einige Beispiele zusammengestellt, bei Bedarf kann man zudem einmal durch die Top100 Videospielsoundtracks des Factmagazines klicken, die sich die Mühe gemacht haben, ein paar gute Beispiele herauszusuchen, auch wenn sich seit dem schon wieder unfassbar viel getan hat.

http://www.factmag.com/2015/04/28/the-100-greatest-video-game-soundtracks-best-ost/
























MerkenMerkenMerkenMerken

Dienstag, 19. Januar 2016

Über Optimismus

Man schlägt die Zeitung auf und es trifft einen wie ein Schlag ins Gesicht: Sexuelle Belästigung, Übergriffe auf Flüchtlingsheime, Umweltkatastrophen, Kinderarmut, fliehende Menschen die Ertrinken, Donald Trump. Ich könnte ewig so weiter machen. Deprimierend, zum Haare raufen. Man will etwas tun aber es erschlägt einen geradezu und man hat das Gefühl, immer handlungsunfähiger zu werden. Ein Gefühl, dass einen erwischt wie der Biss einer Klapperschlange. Man merkt, wie sich das Gift sich im Körper ausbreitet und einen nach und nach übermannt. Das hat sicherlich viele Gründe, z.B. scheinen viele Konflikte in großer Distanz zu einem selbst zu passieren, man hat kaum eine Chance direkt Einfluss nehmen zu können. Und über diese unglaublich große Zahl an alltäglichen kleinen und großen Katastrophen ist der eigene Wissenshorizont viel zu beschränkt, um sich mit ihnen so auseinandersetzen zu können, dass sie gerechtfertigte Aktionen legitimieren. Außerdem hat man überschaubare Ressourcen die man verwenden kann und will, sei es Zeit, Geld oder die Möglichkeit für Sachspenden und es benötigt schon eine gesunde geistige Balance, um an all diesen Abgründen die uns umgeben nicht zu zerbrechen.

Was diese Ausgangslage natürlich noch begünstigt ist die schiere Informationsflut der neuen Medien, die uns sehr schnell überfordern können und die mit ihrem unbändigen Drang über einem zusammenbrechen. Wenn man sich wirklich "kümmert" und in die weiten Untiefen des world wide web begibt, findet man keine logische Grenze, keine Reissleine die es ermöglicht, all das Leid und Unrecht einfach aufzufangen. Von der abgründigen Diskussionskultur und den unsäglichen Ausschreitungen statt eines gemeinsamen Miteinander ganz zu schweigen. Und während ich das schreibe, muss ich an mein letztes Kinoerlebnis denken: The Revenant schildert beeindruckend die reale (und fiktiv etwas erweiterte) Geschichte eines Trappers, der in Amerika nach Fellen jagt. Der Film zeigt, wie sich scheinbar die gesamte Natur gegen diesen einen Menschen verschworen hat. Es werden Stürme, Grizzlies, reissende Flüsse und menschliche Abgründe heraufbeschworen und man weidet sich in diesem Moment der Misere und diesem Fünkchen Hoffnung. Solche Robinson Crusoe-esquen Geschichten scheinen derzeit wieder en vouge. Fallout, Die 5. Welle, Lost, The Hunger Games und all die Dystopien die derzeit diesen Erfolg in den Kinos oder im TV feiern kann man getrost dazu zählen. Vielleicht liegt es daran, dass man sich danach sehnt, all diese unkontrollierten, unberechenbaren Variablen auszuschließen und sich lieber mit eisigen Bächen und wilden Tieren oder abgelegenen, autarken Orten auseinanderzusetzen, in denen man sein eigenes Schicksal irgendwie noch in der eigenen Hand zu haben scheint anstatt kollektiv zu verrotten und täglich neue niederschmetternde Nachrichten lesen zu müssen.

Das sind alles Gründe, Szenarien und Haltungen, die gewiss Missmut in uns hervorrufen und unsere beschränkten Optionen vergegenwärtigen. Allerdings würde es sich jeder Mensch zu einfach machen, wenn er oder sie an dieser Stelle aufhört sich mit seiner unmittelbaren und mittelbaren Umwelt auseinanderzusetzen. Denn es lassen sich zu all diesen Herausforderungen auch Strategien und Möglichkeiten finden, um eben doch handeln zu können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und sich von der nicht nur oberflächlich betrachteten schlechten Situation abschrecken zu lassen. Dazu bedarf es aber eines gewissen Unternehmergeistes. Dem Gefühl, etwas bewirken zu können. Es benötigt kleine gegenseitige Wertschätzungen, gemeinsame Erfolgsmomente, Zusammenhalt und Kreativität. Einen kollektiven Optimismus.

Gefühlt wird dieser immer mal wieder heraufbeschworen, in letzter Zeit sogar wieder häufiger. Sei es im Film (Der Marsianer, Interstellar, A World Beyond - Tomorrowland, Star Wars - The Force Awakens), in der Politik ("Yes we can", "Wir schaffen das") oder bei den kollektiven Erfahrungen der Ehrenamtlichkeit und der Flüchtlingshilfe, die an vielen Orten ein neues Momentum der Gemeinsamkeit offenbart hat. Dennoch gilt man heute schnell als Spinner, Fantast, Naivling oder Idiot wenn man versucht, ein solches Moment ins Rollen zu bringen oder sich den unzähligen kritischen Stimmen zu entreissen und seinen eigenen Fahrplan zu entwickeln. Sicherlich gibt es eine gute Berechtigung, Kritik zu üben oder einer Sache erst einmal skeptisch gegenüberzustehen. Denn Kritik ist ein zentrales Moment der Reflexion. Es hilft, Verschwendung vorzubeugen und vermeidet Phantasmen zu bauen die wirkungslos verpuffen oder hart auf die Nase zu fallen. Und sicherlich birgt jede Handlung auch Schattenseiten, was die Silvesternacht in Köln leider allzu schrecklich verdeutlicht hat. Aber die "Ich habs ja gleich gesagt" Mentalität oder die "Das wird doch eh nichts" Haltung ist a) falsch und b) fatal, wenn sie so zügellos wüten können wie es mittlerweile der Fall ist. Sie erstickt fast jedes konstruktive Weiterentwickeln, sorgt für eine beinahe atomare Spaltung jeglicher Haltung und führt in eine isolierte, verlorene Situation eines Individuums gegen die Welt, aus der man sich nur schwer erheben kann um überhaupt noch handlungsfähig zu sein. Darunter leidet auch das kreative Ausprobieren, sie versagt die Chance, Fehler zu machen, obgleich jeder Fehler immer auch ein konstruktives Potenzial in sich birgt,welches uns überhaupt erst erlaubt zu lernen. Sicher, Einstein hat mal gesagt, dass man lieber aus den Fehlern anderer lernen sollte als aus den eigenen. Aber irgend jemand muss diese Fehler machen und das sind für mich die wahren Pioniere unserer Gesellschaft. Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Frau Merkel mal so viel Anerkennung und Respekt zollen würde, aber in einer Zeit des weitverbreiteten Pessimismus geht sie stur dagegen an (aus welchen Gründen auch immer). Und diese Haltung sollte man tatsächlich wieder  ein wenig kultivieren. Man sollte zu Machenden werden, zu Schaffenden. Zu Menschen, die immerhin versuchen, ihre unmittelbare Umgebung positiv zu beeinflussen. Das geht damit los, dass man andere Leute zu Ideen animiert, sie dabei unterstützt. Oft sind es kleine Gesten, die große Dinge anstoßen. Ein paar Euro die helfen, Leben zu retten oder eine Idee zu verfolgen. Ein paar stützende Gedanken die helfen, sich durchzusetzen. Ein paar Hände, die ganze Welten bauen. Es müssen nicht immer finanzielle Ressourcen sein. Gemeinsam über etwas nachzudenken, sich vernetzen, die Schulter anbieten wenn andere einen Moment der Schwäche erfahren usw. sind Dinge, die uns nichts kosten aber für andere die Welt bedeuten. Wir brauchen mehr Zusammenhalt, ein Verständnis eines Miteinanders statt eines Gegeneinanders, wir müssen der Versuchung des Rückzugs aus allem was wir nicht kontrollieren können widerstehen und uns darauf besinnen, dass unsere Mitmenschen sich ähnlich verloren fühlen. Und das fängt mit jedem Einzelnen von uns an.



Ich halte es übrigens nicht für einen Zufall, dass viele Filme über Optimismus gerade Science Fiction Filme sind. Interstellar, Der Marsianer usw. repräsentieren eine neue Form der Zuversicht in die Wissenschaft und Menschheit. In kaum einem anderen Metier gibt es dabei größeren transnationalen Zusammenhalt als in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Hier arbeiten unterschiedlichste Nationen an den Bemühungen, das Weltall zu erforschen. Es ist ein gemeinsames Ziel, eine riesige Herausforderung, die vereint. Und es ist kein Wunder das Leute, die sich mit dem Weltall auseinandersetzen und das erste Mal die Welt aus dem Orbit heraus betrachten auf einmal ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickeln, weil ihnen bewusst wird, dass sie alle gar nicht so verschieden sind, wie es aus nächster Nähe scheint. Dieser Grad der Perspektivverschiebung auf uns selbst ist eine Herausforderung: ist man zu nah, scheint die Welt ausschließlich aus Unterschieden zu bestehen, zoomt man zu weit heraus, wird alles eins, einheitlich, beinahe unwichtig. Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere Kameralinse stellenweise zu nahe an uns klebt, die Folgen sind shit-storms, Wortklauberei und endlose Debatten.


Dienstag, 29. Dezember 2015

most favorite // part I: movies 2015

Was für ein aufregendes Jahr. Das Jahr der Blockbuster und der Geniestreiche. Aber auch eines der Prequels, Sequels, Remakes, Remixes und Comicverfilmungen. Man hat manchmal das Gefühl, dass Hollywood die Ideen ausgehen. Ein ständiges Selbstzitieren, fette Marketingstrategien und übertrieben viel Hype haben dieses Filmjahr geprägt, wodurch viele sehr besondere Schätze meist ganz unentdeckt blieben. Als alter Filmpirat stolpert man dann zum Glück doch über das eine oder andere Goldstück, etwa auf Netflix, der Berlinale oder den Fantasy Film Nights und die möchte ich wie jedes Jahr hier neben den großen Blockbustern mit einflechten und präsentieren. Natürlich sind diese subjektiv geprägt, etwa von liebreizenden Begleitungen, kleinen Abenteuern, tollen Kinosälen und und und. Ich versuche es dennoch. Los gehts:




1. Birdman




Dieser Film ist nur schwer zu würdigen. Denn hier verschränkt sich soviel Talent, wodurch es sehr mühselig und fast unangebracht ist, alles auseinander zu nehmen. Aber es lohnt sich vielleicht doch, denn Michael Keaton spielt neben Edward Norton und Emma Stone einfach unfassbar. In einem gefühlt ewigen Take mit einer (wieder einmal) unglaublichen Kameraarbeit von Lubezki, in der die Bilder ständig wie die wilden Gedanken von Riggan umher schwirren, entfaltet sich das grandiose Schauspiel rund um die existenziellen Verwirrungen, dem Glamour des Filmemachens und dem Vermischen von Realität und Fiktion, von Privatem und Öffentlichen. Für mich definitiv einer der besten Filme die ich je gesehen habe und interessanterweise scheint der Regisseur Alejandro Inarritu mit The Revenant bereits mit dem nächsten Meisterwerk in den Startlöchern zu stehen, für mich ebenfalls Anwärter auf einen Top Platz. Schon mit Babel und 21 Gramm hat er bewiesen, was er alles kann (obwohl mich Biutiful unfassbar kalt gelassen hat), Inarritu mausert sich so langsam zu meinem persönlichen Lieblingsregisseur. Absolute Empfehlung!




2. Diary of a Teenage Girl





Mein absoluter Höhepunkt der diesjährigen Berlinale. Der autobiografische Film handelt von den Irrungen und Wirrungen einer pupertierenden Phoebe Gloeckner, Comicbuchautorin in den 70ern. Dabei spielen (wie in San Francisco üblich) Drogen, Musik und Sex eine wichtige Rolle, herausragend sind dabei die Bilder sowie die visuelle Integration des Comicstils. Der Film ist eine Adaptation des gleichnamigen Comics und hat eine perfekt besetzte Crew! Unbedingt anschauen!




3. Sicario





Denis Villeneuve dürfte den meisten durch den ziemlich packenden Prisoners ein Begriff sein. Er ist ein Meister der Spannung. Gemeinsam mit Johann Johannson, welcher wieder für den Soundtrack verantwortlich ist, strickt er auch hier einen mit Atmosphäre bis unter die Decke gepackten Thriller, der vor allem durch seine enigmatischen Charaktere und dem Szenario der ständigen Angst und Bedrohung besticht. Der Thriller handelt von dem Versuch, den Drogenhandel an der südlichen Grenze Amerikas mittels einer zwillichtigen Spezialeinheit irgendwie unter Kontrolle zu bringen. Überall könnte Gefahr lauern, nichts ist so wie es scheint und Emilie Blunt wirkt trotz ihrer toughness so fragil und angespannt, dass man sich sehr gut hineinversetzen kann. Mit Abstand der spannendste Film diesen Jahres, den man unbedingt gesehen haben muss! Besonders aufgrund der fantastischen Leistung von Emilie Blunt, Josh Brolin und Benicio Del Toro.




4. Ex Machina





Mit Ex Machina hat Alex Garland einen psychologischen Thriller gestrickt, der aus einem philosophischen Gedankenexperiment entspringt. Wann ist ein Computer menschlich? Was macht Menschsein überhaupt aus? Der Film geht noch viel weiter und spielt in diesem Kammerspiel von vier Personen in einem abgelegenen Bunker mit herausragenden zwischenmenschlichen Dynamiken. Die Darsteller machen ihren Job fantastisch, der Film nimmt sich ausreichend Zeit und bleibt bis zum Ende spannend und einfühlsam. Sehr zu empfehlen für den gemütlichen Winterabend!




5. Alles steht Kopf




Ich mag Animationsfilme. Ob Shrek, Oben, Findet Nemo oder Monster AG, sie alle atmen eine sehr liebenswürdige, fantasievolle Geschichte mit schrulligen Charakteren, die man einfach in sein Herz schließen muss. Die gekonnte Mischung aus Herz und Bauch, aus Gefühl und Humor wird mit frischen Persönlichkeiten und fantastischen visuellen Ideen umgesetzt, die mich immer wieder bewegen. Aber noch kein Film hat mich so glücklich gemacht wie Alles steht Kopf. Dieser Film ist aufgrund des beinahe parallelen Starts von Fack ju Göthe!2 an den deutschen Kassen eher untergegangen, dabei gehört er für mich in die oberste Riege der dieses Jahr gestarteten Filme, ob nun Animationsfilm oder nicht. Denn selten wurde ein so ernstes Thema wie Depression so spielerisch leicht gehändelt wie hier. Mit herzerfrischenden Ideen über die Psyche des Menschen wird hier das Innenleben eines jungen Mädchens auf den Kopf gestellt, als diese ihre Heimat verlassen muss. Mit all dem Gefühlschaos in ihr drin versucht sie, einen Weg zu finden, um mit der neuen Situation klar zu kommen und ich könnte mir keine schönere Visualisierung vorstellen als das, was Pixar hier abgeliefert hat. Der mit Abstand liebenswürdigste Film des Jahres. Freud hätte hier seinen Spaß gehabt.




6. Star Wars: The Force Awakens






Lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Nach der für mich unsäglichen ersten Trilogie ist das für mich der erste richtige Star Wars, den ich im Kino schauen durfte. Denn aus meiner Sicht erfüllt JJ Abrams fast all meine Wünsche. Wir schweben wieder in diesem großartigen und fantasievollen Universum, erleben unglaubliche Abenteuer, lernen das Entstehen einer fantastischen Freundschaft kennen und jubeln dem Millenium Falcon bei seinen waghalsigen Manövern zu. Mein früheres Ich und meine Wenigkeit haben jedenfalls am Abend der Vorpremiere wieder Freundschaft geschlossen und uns gemeinsam an diesem optischen wie charismatischen Film aufs Höchste erfreut. JJ Abrams hat ein Händchen für das Zwischenmenschliche, auch wenn er die alte, einzig wahre Trilogie ein klein wenig zu oft zitiert. Fine for me, solange es nun zum epischen nächsten Teil geht, der von Rian Johnson inszeniert wird und ich wahrscheinlich noch gespannter warte als auf The Force Awakens.




7. Frank





Michael Fassbender du alte Socke. Hast es gleich drei Mal in meine Top Liste für 2015 geschafft. Neben MacBeth und Slow West besticht er auch hier in der Hauptrolle und zeigt einen ergreifenden wie wunderschönen Film über eine Indieband, die sich zwischen Berühmtheit und Indietum zerreisst. Die Musik trifft genau meinen Geschmack, die verschrobenen Bandmitglieder spielen sich unmittelbar in mein Herz und die Bilder des Films tun den Rest. Ein ganz großartiger Film von Lenny Abrahamson, der übrigens dieses Jahr noch einen weiteren, potentiellen Oscarkandidaten mit Raum im Ofen hat.



8. Mad Max: Fury Road




Wo wir schon bei der Bildgewalt sind: es gibt einen neuen Maßstab: Mad Max Fury Road setzt zweifelsohne die Messlatte für handgemachte Action und beeinduckenden Bildern unglaublich hoch. Schaut man unter Imposanz im Duden nach, würde man, gäbe es das Wort, einen Artikel zu diesem Film geben. Neben dem optischen (und musikalischen) Hochgenuss rund um die karge Welt steht aber vor allem auch die Charakterzeichnung im Mittelpunkt. Obwohl die Handlung im Grunde in wenigen Worten erzählt ist, schafft es Miller, mit wenigen Strichen eine perfekte Skizze der Personen zu zeichnen, die Lust auf mehr macht aber völlig ausreichend ist, um einen spannenden Film zu erzählen. Im Gepäck ist dabei wohl die tougheste Heronin seit Ripley aus Alien und Sarah Connor aus Terminator. Was Charlize Theron als Furiosa hier abfackelt macht einfach unglaublich viel Spaß. Wer Bock auf Ödland hat, sollte hier unbedingt mal reinschauen. Am Besten auf der großen Leinwand mit möglichst gutem Ton, denn das Sounddesign sucht seines Gleichen!




9. The Martian





Matt Damon als gestrandeter Weltraumpilot, der ums Überleben kämpft. In Intersteähh ich meine Der Marsianer, inszeniert von Ridley Scott und adaptiert von Drew Goddard (nach dem Buch von Andy Weir) kämpft sich Mark Watney durch die harschen Lebensbedingungen des Mars mit Hilfe von Wissenschaft. Und das erstaunlich überzeugend und vor allem unfassbar optimistisch. Mit erhobenen Hauptes und einer Leichtigkeit kämpft sich Damon durch denkbar schlechteste Bedingungen durch. Gleichzeitig sucht die NASA auf der Erde verzweifelt nach einer Lösung. Eine Hommage an Teamwork, an Zuversicht und vor allem in die Wissenschaft. Schon wieder ein Film, der weniger Fiction als Science ist, aber unglaublich Lust darauf macht, sich mit Weltraum-Physik auseinanderzusetzen. Optisch imposant, extrem humorvoll und bis zum Ende hyperspannend. Positiv ist außerdem anzumerken, dass es nicht einen Antagonisten im ganzen Film gibt. Das hat man auch schon lange nicht mehr gesehen!




10. Virgin Mountain




Eines meiner Highlights aus der Berlinale 2015. Dagur Kari schafft es immer wieder, kleine Filme mit großer Wirkung zu drehen. Er hat ein Händchen für Außenseiter, für die ruhigen zwischenmenschlichen Momente, in denen die Worte fehlen aber so viel Spannung in der Luft liegt, nur um dann ganz unkonventionell darauf zu antworten. Fusi gehört zu den liebenswürdigsten Charakteren, die das Kino je hervorgebracht hat. In Virgin Mountain begleitet man ihn durch sein einsames Leben, seinem guten wie naiven Herzen und erlebt allerhand skurrile wie intime und vor allem schöne Momente. Ein Film fürs Herz, perfekt für die winterliche Jahreszeit. Jetzt im Kino!!




11. You're ugly too / Familienbande / So wie ich bin





Ein weiteres kleines Berlinale-Fundstück. Die pfiffige Irin Stacey (grandios: Lauren Kinsella) verliert unerwartet ihre Mutter (zentrales Thema der Berlinale!) und muss bei ihrem vorbestraften Onkel gespielt von Aidan Gillen unterkommen. Eine tolle Eigendynamik entwickelt sich, die ein bisschen an The Last of Us erinnert. Charmant, leichtfüßig, witzig und emotional wird hier eine tolle Geschichte erzählt. Großartig für den gemütlichen Abend zu zweit.




12. Short Skin





Wunderschöne Mädchen schlawinern um Eduardo, dem schüchternen Italiener, der sonst mit seinem Freund am Strand rumhängt und das Leben genießt. Aufgrund einer Vorhautverengung ist die Vorstellung an Sex eher schmerzhaft, sein Selbstbewusstsein im Keller und seine Hemmnisse groß. Der Film ist unglaublich leichtfüßig, unglaublich witzig und von vor allem schönen Darstellerinnen getragen. Die Dialoge sind verschmitzt, wie es eben bei Coming of Age Filmen so ist, und da spielt Short Skin ganz oben mit. Der Soundtrack kommt dabei von Woodpigeon, einem tollen Singer-Songwriter. Absolut großartige wie herzliche Komödie!




13. Men and Chicken





Endlich wieder ein Film von Anders Thomas Jensen. Und ein "Anders" ist er wahrlich! Wie schon in Adams Äpfeln und Dänische Delikatessen geht es hier sehr schräg zu, mit jeder Menge pechschwarzem Humor und doch herzlichen Charakteren, die man einfach lieb haben muss. Trotz all ihrer Schrulligkeit berühren sie einen mit ihrem verqueren Humor, steht doch immer die Mitmenschlichkeit im Mittelpunkt. So auch in Men and Chicken! Zwei Brüder sind auf der Suche nach ihren Wurzeln und kommen in ein schrulliges altes Dorf, in dem sie ihre Brüder kennenlernen, die alle eigenartige Eigenheiten aufweisen. Mit viel Gekloppe kommen sie sich nach und nach näher, bis sie das Familiengeheimnis lüften... Zum Schreien komisch und herzlich schön.




14. Whiplash





Ein Film über den menschlichen Willen und den Ambitionen eines Trainers/Mentors/Lehrers. Diese Beschreibung passt wahrscheinlich auf unzählige Verfilmungen, doch kaum eine ist so herausragend wie diese. Dabei spielt nicht nur JK Simmons einen unsympathischen Lehrer, auch Miles Teller als ambitionierter Egomane weiß zu missfallen. Und das tut dem Film auch richtig gut. Man fiebert schon mit den harten Maßnahmen, dem Beissreflex und der emotionalen Achterbahn mit und fragt sich, wozu man den ganzen Mist macht. Hier finden sich viele Parallelen zu typischen Coach-Rookie Verhältnissen, mit denen man sich einfach identifizieren kann und Simmons vermittelt sehr gut, warum es manchmal wichtig ist, sich so durchzubeissen. Der Film schafft es jedenfalls sehr gut, diese Dynamik nahe zu bringen und macht enorm viel Spaß und Lust auf Musik!




15. Nasty Baby





Ein weiteres Berlinale-Highlight ist Nasty Baby. Der Film gibt Einblick in eine harmonische Beziehung eines homosexuellen Pärchens in New York, welches versucht, mit der Leihmutter ein Kind zu zeugen. Was unglaublich charismatisch beginnt, endet in einem Alptraum. Absolut fantastisches wie spannendes Thriller-Drama!




16. Beasts of no Nation





Leider findet sich kein richtiger Trailer, aber der Clip lässt erahnen, worum es geht. Kindersoldaten in Afrika, die von Milizen weggefangen werden und zu Söldnern erzogen werden, um im Bürgerkrieg zu kämpfen. Cary Fukunaga, Regisseur von der grandiosen ersten Staffel von True Detective, erzählt hier in der Buch-Adaptation von Uzodinma Iweala eine unglaubliche wie bedrückende Geschichte von Agu, der seine Familie verliert und ums überleben kämpft. Dabei trifft er auf den "Commandand" gespielt von Idris Elba, der mit Härte und Grausamkeit die Jugend aus Agu herausprügelt, um ihn zum Freiheitskämpfer zu machen. Sehr bedrückend, sehr eindrücklich, aber auch unglaublich gut. Allerdings sollte man den Film nur in einer guten Verfassung schauen, denn das Ganze ist schwer verdaulich.




17. Avengers 2: Age of Ultron





Die Avengers sind zurück. Joss Whedon ist zurück. Damit müsste eigentlich alles gut sein. Irgendwie wollte der Film aber nur teilweise zünden. Gerne hätte ich ihn mir im IMAX angeschaut, damit man ein bisschen mehr von der durchaus vielschichtigen Action mitbekommt, aber nichts desto trotz war diese imposant. Aber man hat schon gemerkt, dass Whedon nicht so viel freie Hand bekommen hat, um seine gewitzte Charaktere entfalten zu können. Viel Streiterei mit den Studios von Disney und Marvel haben wohl dazu geführt, dass er seine eigentliche Vision mehr als verbiegen musste. Man erahnt an vielen Stellen die großartigen Dialoge, die wie Whedons Seele durchscheinen, aber insgesamt bleibt der Film ein bisschen hinter dem ersten Teil zurück. Dennoch ist der Film für Marvel-Comic-Fans nach wie vor eine Offenbarung, auch wenn ihm Guardians of the Galaxy letztes Jahr wohl ein bisschen die Show gestohlen hat.




18. Ewige Jugend





Ewige Jugend erzählt von den Irrwegen der Familie, Bedauern, dem Älter werden und der Freundschaft. Michael Cane spielt hier wieder einmal famos auf und bringt seinen Charakter tief in die Herzen der Zuschauer, getragen von perfekter Musik wie es Regisseur Paolo Sorrentino schon in Cheyenne inszeniert hat. Wirklich großartig ist auch Harvey Keitel als langjähriger Freund von Cane. Mit besinnlichen wie sinnlichen Bildern, kleinen Liebeleien und viel Gemütlichkeit umkreist Sorrentino hier dieses Ressort mit all den schrulligen Charakteren.




19. Victoria





Victoria ist DER deutsche Überraschungshit schlechthin. In der Regel kann ich mit deutschen Filmen nicht viel anfangen, häufig sind die Schauspieler/-innen überfordert, spielen nicht überzeugend, die Beleuchtung ist schlecht oder es stinkt alles so sehr nach Inszenierung, dass ich mich darauf nur schwer einlassen kann. Anders so bei Victoria. Allein schon der technische Aspekt ist beachtlich. Ähnlich dem Film Birdman kommt dieser Film in EINEM Take aus, kein Schnitt, fast zwei Stunden lang intensive Intimität, Improvisation, Geschehen. Das Schöne ist, dass sich der Film nicht darauf ausruht. Der Film wird eher getragen von der charismatischen wie schönen Victoria und Sonne, dem Straßenslacker aus Berlin sowie dem zwischenmenschlichen Knistern der Beiden. Ganz zu schweigen von dem sehr überragenden Soundtrack von Nils Frahm, der hier durchaus seine Momente hat bzw. die des Filmes einzigartig unterstreicht. Der Film entwickelt sich zudem zu einem spannenden Krimi, aber ich möchte nicht zu viel verraten. Schaut euch diese kleine Reise durch Berlins Nachtleben an und staunt!




20. I am Michael





Wieder eine Entdeckung auf der Berlinale und leider ohne Trailer, dafür einem kurzen Einblick. Der Film ist eine Biografie über Michael, einem homosexuellen Blogautoren und Leitfigur der homosexuellen Emanzipation. Gespielt von James Franco erleidet Michael eine Panikattacke, die all seine bisherigen Werte auf den Kopf stellt und seine Homosexualität in Frage stellt. Er wendet sich dem Glauben zu und negiert seine alte Beziehung (gespielt von Zacharie Quinto), was natürlich in unzähligen Konflikten resultiert. Ein sehr emotionaler und psychologischer Film, der mich noch lange danach beschäftigt hat, denn er portraitiert einen unglaublichen Wandel sowie die menschlichen Abgründe, die durch Religion geschürt werden. Das alles bewegt sich sehr Nahe an dem eigentlichen Schicksal von Michael Glatze.




21. Spring



Ein Gruselfilm nach meinem Geschmack. Ein Backpacker aus den Staaten beschließt, durch Europa zu reisen und endet in einem kleinen italienischen Dorf. Hier lernt er eine bezaubernde Frau kennen, die ihm den Kopf verdreht. Nach und nach stellt sich raus, dass sie mit der Stadt in einer seltsamen Art und Weise verbandelt ist. Der Film ist fantastisch fotografiert und lebt von den charismatischen Darstellern. Diese deutsch-italienische Produktion ist für Fans des leichten Grusels sehr empfehlenswert, besonders aufgrund seines erfrischenden Zugangs zu einem altbackenen Thema.




22. A girl walks home alone at night





Eine skateboard-fahrende Vampirin im Iran, die Männer verführt und Joy Division liebt. Eigentlich muss man nicht mehr erzählen. Oh, der Film ist in Schwarz-Weiß, musste außerhalb Irans gedreht werden (alle Darsteller sind Iraner/-innen), die Musik ist fantastisch und der Film sehr unaufgeregt und besinnlich sowie durchdrungen von Melancholie. Schön!




23. Tusk






Kevin Smith hat es endlich mal wieder geschafft. Skurrile Dialoge, noch skurriler die Handlung und vor allem dichte Atmosphäre. Tusk ist def. schwer zu verdauen, bietet es doch wirklich eklige Szenen und Vorstellungen, dennoch würde ich ihn nicht als Horrorfilm abstempeln, sondern irgendetwas zwischen Komödie und atmosphärischem Gruselfilm, der irgendwann eine harte Abzweigung nimmt. Aus einer dahergesagten Podcastidee heraus entsprungen wird dieser Film zu einem fantastischen Genrefest mit den vertrauten Dialogen eines Smiths, die hier endlich wieder glänzen. Für Fans des Genrefilms sehr zu empfehlen!




24. MacBeth





Michael Fassbender spielt mit einer brillianten Marion Cottillard MacBeth und seine Frau in dieser unfassbar gut fotografierten Adaption von Shakespeare. Der Film jagt den Zuschauer mit einer Unruhe wie das Gewissen die Lady MacBeth und wir schauen dem moralischen Verfall zu, wie er unaufhaltsam seinen Lauf nimmt. Der Film scheint insgesamt aber etwas kurz ausgefallen, denn die Motivation kommt ohne Vorkenntnisse des ursprünglichen Materials nur bedingt zum Tragen. Dennoch, man wird leicht gepackt von der reissenden Strömung dieser furiosen Inszenierung.




25. The Guest





The Guest durfte ich auf den Fantasy Film Nights sehen und hat mich aufgrund seiner Bildgewaltheit und dem fantastischen Soundtrack ganz schön mitgerissen. Genauer betrachtet ist es einfach nur ein gut fotografierter kleiner Action-Thriller a la Drive und Rambo, der mit wenigen, dafür mächtigen Actionszenen auftrumpft, die richtig viel Bums haben. Zudem spielt eine mehr als attraktive wie auch talentierte Maika Monroe mit, die spätestens mit dem Horrorschwergewicht It Follows ihren Durchbruch geschafft haben dürfte. Schöner Actionnobrainer für einen Filmabend mit Freunden oder allein!



26. Mr. Holmes





Ich hatte auf der Berlinale die Chance, Ian McKellens Interpretation von Sherlock Holmes zu sehen. Ein absoluter Glücksgriff, denn diese kleine Ode an den großen Kriminologen ist eine sensible, feinfühlige Geschichte mit einigen spannenden Ideen. Insgesamt bleibt der Film sehr ruhig und besinnlich, man möchte sagen unaufgeregt. Eine große Chance für McKellen, seiner Schauspielkunst freien Lauf zu lassen. Sehenswert, wenn man Sherlock Holmes mag oder sich über einfühlsame Studien des Menschen interessiert!




27. Mission Impossible 5: Rouge Nation





Tom Cruise's hauseigene James Bond Version hat nach wie vor drive. Seitdem JJ Abrams das Ruder (zuerst als Regisseur, mittlerweile als Produzent, nachdem Cruise von seiner Serie Alias komplett überzeugt war) übernommen hat, ist die Action rund um Ethan Hunt und seinem Team wesentlich persönlicher, geerdeter und durchaus mitreissender. An Einfallsreichtum mangelt es jedenfalls kaum, denn auch hier sind wieder haarstreubende Actionszenen mit großartigem Humor gewürzt, die man so wahrscheinlich noch nicht erleben durfte. Allerdings benötigt die Reihe schon so langsam ein bisschen Abwechslung vom typischen Agentenallerlei. Als rasanter Actionkracher mit einem Top-Ensemble jedenfalls sehenswert, wenn man was für Agententhriller über hat! Zumal er besser zu sein scheint als der neue Bond, den ich nicht gesehen habe.

28. Marshland 





Ein weiteres Fantasy Film Nights Highlight: Marshlands. Wäre True Detective in Spanien gedreht worden, würde es genau SO aussehen. Ein sehr spannender, besinnlicher, wunderbar fotografierter Krimi aus den Marschlanden Spaniens. Sehr sehenswert, man braucht aber ein bisschen Sitzfleisch.




29. Angelica



Leider finde ich hierzu keinen Trailer. Ich möchte den Film dennoch erwähnen, denn er zeichnet ein recht spannendes Psychogramm über eine sensible Mutter im viktorianischen Setting, die nach einer anstrengenden Geburt immer näher an den Rand des Wahnsinns rutscht. Ihr Mann versucht sie zu retten doch statt dessen treibt er sie immer weiter in ihren Wahn. Der Film dürfte kaum bekannt sein (Ein Kleinod auf der Berlinale) und richtet sich eher an Interessierte von historischen Filmen, Kostümfilmen oder psychologischen Studien. 




30. Slow West







Ein wunderschön fotografierter Western mit sehr ungewöhnlichen Ereignissen und Wendungen. Toller Film mit einem seltsam unkonventionellen Touch, sei es vom Tempo, der Inszenierung und auch der Handlung. Wurde übrigens unter anderem in Neuseeland fotografiert!



Das war es. Hab ich was vergessen? Was sind eure Favoriten? Womit seid ihr nicht einverstanden? Ich bin gespannt. 


Für 2016 erwarte ich übrigens wieder einmal großes!

Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Raum



The Revenant




Star Wars: Rogue One




Joy




Deadpool



Hail Cesar



Zoolander 2



The VVitch



The Nice Guys




Donnerstag, 24. Dezember 2015

most favorite music 2015

Listen Listen Listen... Das kann schonmal nerven. Aber eine persönliche Liste hat auch den Vorteil noch einmal abzutauchen in die mannigfaltige Musiklandschaft. Oft weiß man nur noch vage, was einen total beeindruckt hat oder bekommt erst so mit, was man  verpasst hat. Bei den Recherchen trifft man nicht selten auf Künstlerinnen und Künstler, die man gar nicht auf dem Schirm hatte, oder erinnert sich dran, dass z.B. Beach House nicht nur eine (fabelhafte) Platte rausgehauen hat, sondern gleich zwei! So oder so eine lohnenswerte Expedition, die mich auch in 2-3 Jahren noch einmal daran erinnert, was mich gefangen genommen hat. Gerne schaue ich mir die letzten Jahre noch einmal an und schwelge zu den Momenten, die ich mit den Songs oder Alben verbinde, wandere durch Erinnerungen und lasse mich darin treiben. Sie stellen ein fragmentarisches Tagebuch dar, ein Quilt der Erinnerungsfetzen, mit denen man sich besonders gemütlich über die triste Winterzeit retten kann. Daher fange ich jetzt einmal vorsichtig damit an, die losen Teile zusammenzuflicken und öffne sie all jenen, die Lust darauf haben, daran teil zu haben. Wie immer gilt: es werden zwar größtenteils Sachen nach dem Erscheinungsjahr 2015 thematisiert, aber manchmal schleichen sich auch Tracks oder Alben ein, die viel älter sind, aber erst in diesem Jahr von mir erkundet wurden. Seht es mir bitte nach. 

best albums



Shlohmo - Dark Red





Schon im April ging das Jahr mit einem riesigen Paukenschlag los. Das neue Album von mastermind Shlohmo hat das Licht der Welt erblickt und mit den schrägen, schwermütigen, experimentellen Melodien gleich wieder ein bisschen verdüstert. Denn die Atmosphäre des gesamten Albums atmet die Dunkelheit, fokussiert sich auf das andere Ende des Spektrums unserer Emotionen, ohne dabei in Kitsch abzudriften. Statt dessen öffnen sich viele ungeahnte Emotionen, die vielfältigen Schattierungen der Melancholie finden eine neue Ausdrucksform, mit der man sich erst einmal anfreunden muss, sie aber später extrem zu schätzen lernt. Sie schaffen es, sich in der Dunkelheit mit einem zuversichtlichen Lächeln zurecht zu finden, denn man weiß jetzt, die verschiedenen Stufen von Schwarz besser einzuordnen, wie ein Inuit den Schnee. Und man ist nicht allein. Es gibt noch andere, die durch diese Gefühlswelt mäandern und zu sich finden, und häufig ist dieser Weg gemeinsam einfacher als ihn allein bestreiten zu lassen. Shlohmo skizziert dafür eine Landkarte und reicht die Hand.

Grimes - Art Angel





Mit Grimes springe ich direkt ans andere Ende des Spektrums (und des Jahres). Für mich repräsentiert Grimes mit Art Angel wohl den absoluten Höhepunkt für 2015. Claire Bouchez beherrscht wie keine Andere die Fähigkeit, zwischen Pop, Techno und Balladen umherzutänzeln und schafft es trotz des quietschbunten Auftretens (man schaue sich nur das verlinkte Musikvideo zu Flesh without Blood an ) irgendwie glaubwürdig zu wirken. Sie etabliert somit beinahe ein eigenes Genre, emanzipierte Popmusik mit Attitüde, die trotz dieser Vielfalt an Einflüssen eine eigene Handschrift etabliert. Man möchte noch ewig über das Album schreiben, aber es bietet sich an, die Scheibe auf Dauerrotation spielen zu lassen und für sich selbst zu entdecken, warum Grimes einfach auf so vielen Ebenen besticht.


Hiatus - Parklands




Ein seltsames Album (das auch schon recht alt ist), auf das ich überhaupt erst aufgrund von Shura (vgl. notable tracks) gestoßen bin. Hiatus entfaltet Traumlandschaften und läd sich allerhand unterschiedliche Menschen ein, allen voran besagte russisch-amerikanische Popsängerin Shura. Geprägt von einer fast schwülztigen Melancholie und esotherisch angehauchten Klängen wackelt Hiatus auf einem schmalen Grat und fällt doch nie runter. Er vermeidet somit, ins Nervige abzudriften und zeichnet statt dessen ein hervorragendes Album zum entspannen und sich treiben lassen. Das ist eines dieser trippigen Alben für den Sonntag morgen.


Jon Hopkins - Immunity (LP) / Asleep Versions (EP)




Zugegeben, jetzt schummele ich etwas, denn Jon Hopkins phänomenales Album Immunity kam bereits letztes Jahr heraus. Dennoch hat es mich das ganze Jahr über begleitet und in Zusammenhang mit den „Fortführungen“ der Asleep Versions (2014), die sich einige der Tracks des Albums annehmen und in entschleunigte Tagtraummelodien verwandeln, entfaltet dieses Album so viel Kraft und Tiefgründigkeit. Hopkins schafft es, technoartige Songs mit tiefenentspannten Engelsgesängen zu verweben und entfaltet so die Seele elektronischer Musik, die sich mit einem Brennglas in die Strukturen des feingewebten Teppich der Erinnerungen einbrennt. Wenn ich könnte, würde ich den gleichnamigen Song zum Album "Immunity" in jede Playlist packen die ich erstellt habe, denn dieser Song rundet einfach jede emotionale Landschaft ab!

Kiasmos - Kiasmos





Streicher meets Synthi. Piano und Beats. Zwei Gegensätzlichkeiten in einem Satz. Das meint ein Chiasmus. Die Musik von Olafur Arnalds und Janus Rasmussen greift das ganz wunderbar auf. Sie entführt mit ihren beatlastigen Elektrospuren und sanften Streichern in eine texturierte Landschaft voller Lagerfeuer unter freiem Sternenhimmel, eisigen Wüsten und schweigenden Liebesbeziehungen voller Leidenschaft. 
Ich hatte das Glück, die beiden im Watergate live zu erleben und konnte ein Meer an lächelnden Gesichtern sehen, die alle gerade in einem ganz privaten Kino ihren Träumen nachgingen. Famoses erstes Album dieser bereits seit fünf Jahren bestehenden "Band".



Kiesza - Sound of a Woman




Mit Hideway hat sie die Erwartungen unglaublich hoch gesetzt. Eine Stimme die das Innerste zum Schmelzen bringt und 80er Synthies, die alte Zeiten heraufbeschwören und so unglaublich vertraut klingen und doch erfrischend gut tun. Das Album führt das, zumindest abgeschwächt, fort. Die Hüften können gar nicht aufhören, rhythmisch zu wackeln, es sei denn die mellow beats setzen ein und lassen einen Platz nehmen, um dem „sound“ einer Frau zu lauschen. Sehr schönes tanzbares Album, ein Kontrast zu den eher ruhigen Sachen die mich dieses Jahr bewegt haben. Irgendwie steht dieses Album auch in Tradition einer Moloko, auch wenn ich es schlecht begründen kann.


Labyrinth Ear - The Orchid Room




Der Zuhörer irrt durch einen Zauberwald mit all seinen dunklen und geheimen Plätzen, entdeckt die Nähe von Schönheit und verstörenden Schauspielen, tragischen Fehlbildungen und anderen Miasmen der Nacht. Der Wald ist von Feenzauber bedeckt wie von einem schützenden Deckmantel, der seine Entfremdung nicht preis geben möchte und somit ewig dazu verbannt ist, seine Schönheit zu unterdrücken und nicht anerkennen zu lassen.

Movement - Movement (ep)





Menschliche Berührungen im Kerzenschein. Intime Nähe beim gegenseitigen Kennenlernen. Die Erkundung des Anderen mit allen Sinnen. Der perfekte Soundtrack für die knisternden zwischenmenschlichen Spannungen, die keiner Worte benötigen.



Noveller - No Dreams




Auch dieses Album erschien bereits letztes Jahr, dennoch habe ich es erst dieses Jahr entdeckt und habe mich davon fangen lassen. Wenn man ein schwarzes Loch vertonen würde, würde es wohl so klingen. Die Träume werden aufgesogen in diese dunkle Kugel, aufs äußerste komprimiert, begleitet von einem Beben und wieder herausberstend in Milliarden Partikel. Wenn Interstellar nicht schon so einen gelungenen Soundtrack gehabt hätte, wäre es wohl dieses Album geworden.


Sylvan Esso - Sylvan Esso





Synthie Pop. In einer Welt, in der so viel nur noch kopiert und resampled wird und sich Innovation kaum noch bewegt, hat man manchmal das Gefühl, sich den bestehenden Strukturen ergeben zu müssen. Wenn schon ergeben, dann aber Sylvan Esso, die dem Genre unglaublich viel Charisma und Seele einhauchen.



Notable Tracks



Shura - Touch





Mit Touch hat sie wohl den Track des Jahres für mich heraus gebracht.Das Album braucht noch ein paar Monate, aber was in diesem Song an Intimität geschaffen wird, ist mehr als manche in einem ganzen Album zu erzielen versuchen. Die Stimme von Shura hat mich jedenfalls komplett in ihren Bann gezogen. Einen kleinen Vorgeschmack zu dem, was noch kommt kann man übrigens hier erhören: http://www.bbc.co.uk/programmes/b04sn8t9


Four Tet - Parallel Jalebi (HudMo-Remix)





Four Tet hat zwar dieses Jahr kein Album rausgebracht, dafür aber eine ganze Reihe an tollen Tracks, Remixes und mixes. Und er wurde gemixed.
Dieser Hudson Mohawke hat nicht nur meine Möbel zum Wackeln gebracht sondern auch meine verstaubten Knochen entkalkt. Schön laut aufdrehen!


Four Tet ist wahrscheinlich der Musiker, der mir am längsten zur Seite steht seitdem ich Musik höre. Er wandelt sich ständig und bleibt sich doch irgendwie treu, es scheint, als hätte er einen direkten Draht zu dem, was mich bewegt und setzt dem Ganzen irgendwie einen drauf. Es ist der perfekte Spagat zwischen Melancholie und ausgelassenem Tanzen und feiern. Daher war das auch unter den Top 5 Live-Events in diesem Jahr.



Interstellar - Docking





Wenn man im Kino sitzt und dieses Theme auf einen einprasselt, möchte man aufspringen und die Leinwand umarmen. Ein Höhepunkt der Filmgeschichte und einer der spannendsten und mitreissendsten Momente der letzten Jahre.



Shlohmo - Emerged from smoke




Shlohmo: um ihn ist es ja etwas ruhig geworden dieses Jahr. Es gab zwar den Release um Jeremih, der irgendwie cool war aber auch irgendwie nicht. Aber aufgrund einer ausgelassenen Livetour ( endlich durfte ich ihn mal in Berlin sehen, yes!) ist das auch zu verzeihen. Nun, pünktlich zu meiner Liste, hat er einen neuen Track veröffentlicht, den ich niemandem vorenthalten möchte und der mich schon gespannt auf das kommende Jahr blicken lässt. Can. not. wait!



Verity Susman - To make you afraid




Electrelane machen Pause. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht mehr. Aber wenn dem so sein sollte, macht zumindest Verity Susman das Beste drauß. Dieser Track hat mich jedenfalls das ganze Frühjahr über permanent begleitet und die Grenzen der Stereoanlage ausgereizt. Famos.